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Kritik an der 4-Prozent-Regel

Funktioniert die 4-Prozent-Regel wirklich? Diese Frage stellen sich wohl viele, die sich mit Themen der FIRE-Community beschäftigen. Ich habe deshalb zusammengefasst, welche Kritik es an der 4 Prozent Regel gibt. Außerdem möchte ich euch erklären, wie die 4-Prozent-Regel aus meiner Sicht angepasst werden könnte, sodass sie deutlich realistischer ist und leichter umgesetzt werden kann.

4-Prozent-Regel

In der FIRE-Community – die in Österreich und generell im deutschsprachigen Raum leider noch immer eher schwach vertreten ist – gilt die sogenannte „4-Prozent-Regel“ als eine der zentralen Thesen. Sinngemäß besagt diese Regel, dass du so viel Kapital anhäufen musst, dass eine Verzinsung dieses Kapitals mit vier Prozent ausreicht, um deine laufenden Lebenskosten zu decken. Ist das der Fall, hast du aus Sicht der FIRE-Community die finanzielle Freiheit erreicht. Soweit ich, zugegebenermaßen vereinfachte und verkürzte, Erklärung, auf die das Thema hinausläuft.

Soweit so einfach, soweit so gut. Wer also 15.000 Euro pro Jahr benötigt um zu leben, der braucht knappe 400.000 Euro, die werden so investiert, dass sie 4 Prozent pro Jahr abwerfen (Inflation und Zinseszins lassen wir mal außen vor) und wer diese Ziel-Kapitalsumme x erreicht, braucht somit nichtmehr arbeiten. Der Teil des „RE“ von „FIRE“ ist erreicht, denn „RE“ steht für „retire early“. Das klingt logisch, einfach und als wäre es ziemlich cool, nichtmehr arbeiten zu müssen. Viele hören diese These und denken an die große Freiheit. Wo ist der Haken?

FIRE ohne RE

Mein Ansatz ist ein anderer und ich bin selbstverständlich nicht der erste, der diese Denkweise entwickelt hat, sondern finde sie schlichtweg den attraktiveren und realistischeren Weg. Ich glaube, dass es Schwachsinn ist als Ziel zu haben, nichtmehr zu arbeiten. Arbeit ist Herausforderung, sie ist sinnstiftend macht hoffentlich auch entsprechend Freude. Jemand der überhaupt nichtmehr arbeiten will, ist auch auf meiner Website irgendwie falsch, denn das empfinde ich als ziemlich unmotivierte Geisteshaltung.

Der Gegenvorschlag: Stell dir die Frage, was finanzielle Unabhängigkeit wirklich bedeutet. Kapitalertrag, der ohne oder mit minimalem Aufwand auf dein Konto eingeht, deckt irgendwann hoffentlich deine gesamten laufenden Kosten. Genau so, wie es die 4-Prozent-Regel de facto besagt.

4-Prozent-Regel – Rechenbeispiel

Allerdings sehe ich die Rechnung anders. Überlege dir, wie viel Zeit du weiterhin in Arbeit stecken möchtest. Nehmen wir fiktiv an, dass es 20 Stunden sein sollen, für die du in unserem Beispiel 1.200 Euro netto pro Monat bezahlt bekommst. Nehmen wir weiter an, dass deine monatlichen Kosten, wenn du in Europa lebst, beispielsweise in Wien, und kein Frugalist bist, bei 1.800 Euro liegen. Bei diesem Wert kalkulierst du alles ein, von Miete bis hin zu aliquoten Kosten für Urlaube. Bleibt eine Differenz von 600 Euro pro Monat pro Monat. Dieser Betrag ist es, den du mit Kapitalertrag oder sonstigem passiven Einkommen erreichen musst. Dann bist du an dem Punkt, an dem du genau so viel Arbeiten kannst, wie du dir vorgenommen hast. Die restliche Zeit kann dann etwa in karitative Projekte oder Fortbildung investiert werden.

Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Geht es um 600 Euro netto pro Monat, die benötigt werden, so sprechen wir von weniger als 200.000 Euro Kapitalbedarf. Eine solide, sanierte und möblierte Wohnung in Wien, die mittelfristig vermietet wird, bringt problemlos diesen Betrag und kostet weniger. Klar, Folgekosten und umgekehrt Wertsteigerung wären zu beachten.

FIRE ohne Retire – Fazit

Das fiktive Beispiel soll zeigen, dass es nicht darum gehen sollte, nie wieder zu arbeiten. Es geht darum die Freiheit zu erlangen so viel zu arbeiten, wie dir Spaß macht und die restliche Zeit deines Lebens so zu verbringen, dass es aus deiner Sicht sinnvoll ist. Wahre Freiheit heißt nicht nichts tun, sondern selbst entscheiden, was getan werden kann. Und wer nicht überhaupt nichtmehr arbeiten will, sollte seine FIRE-Berechnung der 4-Prozent-Regel entsprechend anpassen.

Den Betrag zu berechnen, ab dem es nur noch nötig ist Teilzeit zu arbeiten, kann wesentlich motivierender sein. Denn schnell zeigt sich, dass diese Zahl nicht so abstrakt ist, nicht in 25 Jahren erreichbar ist, sondern viel früher. In weiterer Folge kannst du an Details tüfteln. So wäre es etwa möglich den Betrag pro Jahr zu berechnen und zu überlegen, ob du etwa als Freelancer diesen Betrag innerhalb von ein paar Monaten (mit Vollzeitarbeit) erarbeiten kannst und dann das restliche Jahr reisen könntest. In der FIRE-Movement-Szene wird diesbezüglich immer wieder von „Mini-Retirements“ gesprochen. Ebenfalls angedacht werden kann, wie viel schneller du dein Ziel erreichst, wenn du deine Lebenserhaltungskosten reduzierst.

Alle Bestandteile der Beispielrechnung können angepasst werden, bis du ein realistisches Ziel definiert hast. Oft macht es gerade die gute Kombination aus:

  • Welche laufenden Kosten können reduziert werden?
  • Wie viel monatliche Einnahmen aus Kapitalertrag brauche ich, damit ich in jenem Ausmaß arbeiten kann, wie es mir Spaß macht?
  • Wie schnell kann ich die Summe, die ich benötige, um diesen Kapitalertrag zu erzielen, ansparen?
  • Wie verändert sich die Summe, wenn ich mit weniger laufenden Kosten lebe oder bereit bin weiterhin ein paar Stunden mehr zu arbeiten?

Weniger arbeiten durch passive Einnahmen

Eine weitere Berechnung könnte sein, dass du deine Stundenzahl nach und nach reduzierst. Sprich du baust einerseits Kapital auf, das passive Kapitalerträge einbringt. Andererseits reduzierst du, parallel zu den steigenden Kapitalerträgen, deine Arbeitszeit. Je mehr passives Einkommen du hast, desto weniger arbeitest du. Aus meiner Sicht kann das ein wesentlich angenehmerer Übergang sein, als mit der klassischen 4-Prozent-Regel. Bei der würdest du schließlich sagen okay, heute ist Tag x, ich höre auf und arbeite nie wieder. Überspitzt formuliert, aber darauf läuft es hinaus. Nachdem mir persönlich dieser Gedanke eher Angst machen würde, als mich zu motivieren, halte ich meine Herangehensweise des fließenden Übergangs von Einnahmen aus Arbeitsleistung, hin zu Einnahmen aus Kapitalertrag, (vorerst) für die beste Option.

Ich bin allerdings offen für euren Input, Gedanken und alternative Ideen. Lasst mich also gern wissen, was ihr dazu denkt, wie euere Pläne aussehen und wo ihr bei meiner Tüftelei Verbesserungspotenzial erkennt. Ich freue mich darauf!

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Disclaimer: Dieser Blog dient rein der Unterhaltung. Ich bin kein Finanzberater und gebe keine Anlage- oder Investmenttipps aller Art. Triff solche Entscheidungen immer nach Absprache mit einem Profi und gemäß deiner finanziellen Situation.

Ein Kommentar

  1. Glückwunsch! Bisher bester Artikel hier! Der Gang zur Arbeit ist ganz anders, wenn man genau weiß, dass man hier arbeiten kann aber nicht muss! Das lässt einen viele Dinge im Alltag gelassener angehen. Die Kollegen werden das ebenfalls bemerken und zwar positiv! Und wenn die Arbeitsverhältnisse wirklich unzumutbar sind, kündigt man mit entsprechenden Rücklagen auch leichter, sucht neue Möglichkeit oder macht sich selbstständig.
    Bitte weitere solche Blog Beiträge!!

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